Flucht und Geschäft: Schlepper in Seenot
Wer ist Opfer, wer Täter? Die Geschichte einer jungen syrischen Schleuserbande an der türkischen Küste.
Photography: Fridolin Schuster
Text: Meret Michel
Vielleicht wollte Gott ihm eine Lektion erteilen, ihm, dessen Job es war, Menschen gegen Geld auf diese lebensgefährliche Reise zu schicken. Denn jetzt sitzt Asis, der sagt, nichts zu fürchten ausser Gott, zusammen mit fünfzig Flüchtlingen in einem kleinen Boot und hat Angst. Er umklammert das Steuer. Die türkische Küste verschwindet hinter ihm im Dunkeln. Der Wind wird stärker, Wellen schlagen gegen den Gummirand. Manche der Flüchtlinge schreien, andere weinen. Dann stockt der Motor.
Die Geschichte von Asis*, 21 Jahre alt, Schlepper, beginnt 2013 in Hadschin, einer syrischen Kleinstadt am Euphrat zwischen Deir Essor und der irakischen Grenze. Heute ist die Stadt eine der letzten Enklaven, an denen der sogenannte Islamische Staat erbittert festhält. Damals kontrollierte die Nusra-Front die Stadt, unter ständigen Luftangriffen der syrischen Luftwaffe. Asis wollte raus, und er floh an einem Morgen, ohne seiner Familie Bescheid zu sagen, in die Türkei.

Die Geschichte endet an jenem Abend im Februar 2018, als Asis mit fünfzig Flüchtlingen zwischen der Türkei und der griechischen Insel Samos in Seenot gerät. Dazwischen liegt eine Odyssee, von Syrien in die Türkei, von Adana nach Sanliurfa, von Izmit nach Istanbul und an die Westküste nach Izmir. Die Irrfahrt eines Jungen, der zu früh auf sich alleine gestellt war. Getrieben von der Enttäuschung, dass der Krieg ihm seine Zukunft gestohlen hatte, und im trotzigen Glauben, dass ihm etwas Besseres im Leben zusteht.
Izmir, Januar 2018. Das Wetter ist gerade warm genug, Asis sitzt an einem Tisch draussen vor dem Restaurant. Er ist kaum einen Meter siebzig gross. Aber es sind der spärliche Bart, die runden, schwarzen Augen und die rote Baseballmütze auf dem Kopf, die ihn trotz seiner 21 Jahre wie einen Teenager aussehen lassen. “Eigentlich ist es ein Job wie jeder andere”, sagt Asis und pult ein Stück Fleisch von einem dampfenden Hühnerschenkel. “Die Leute wollen nach Europa, und wir bringen sie hin.” Neben ihm eilen Männer vorbei, der Verkehr staut sich, ein kleines Mädchen streckt Asis die Hand entgegen, er drückt ihr eine Münze in die Hand.

Hat Asis keine Skrupel? Keine Angst, dass das Schiff kentert, dass die Menschen ertrinken, die er losgeschickt hat? 1360 Menschen starben in den vergangenen drei Jahren beim Versuch, von der Türkei aus nach Europa zu gelangen. Asis wischt sich die schwarzen Strähnen aus dem Gesicht und sagt im Ton eines Pauschalreisenverkäufers: “Wer mit uns losfährt, kommt auch an.”
Vor sechs Jahren, als die Rebellen das syrische Regime von Baschar al-Assad aus seiner Stadt vertrieben hatten, beschloss Asis’ Vater, ein neues Haus zu bauen. Es hatte drei Etagen: ein kleines Café im Erdgeschoss und je ein Stockwerk für Asis und seinen älteren Bruder Saleh. Für später, wenn die beiden irgendwann heiraten würden. Das Geschenk eines wohlhabenden Vaters für die Zukunft seiner Söhne.



Asis stapft einer schmalen Gasse entlang den Hügel hoch. Die geduckten Häuser strahlen morbiden Charme aus, und ein beissender Rauch wabert aus den Schornsteinen. Basmane ist eines der ärmsten Viertel Izmirs – statt mit Feuerholz heizen die BewohnerInnen, fast ausschliesslich KurdInnen aus dem Südosten der Türkei und syrische Flüchtlinge, mit Plastikabfällen.
Nicht umsonst war Basmane 2015 der Knotenpunkt für rund 850 000 Flüchtlinge, die in jenem Jahr die griechischen Inseln erreichten und sich von dort aus weiter nach Deutschland, Schweden, in die Schweiz durchschlugen. “Die Kurden sagen nichts, wenn wir die Leute mit den Autos abholen und ans Wasser bringen”, sagt Asis. “Die wollen mit der Polizei selbst nichts zu tun haben.”
Damals waren in “Little Syria”, wie das Viertel inoffiziell genannt wird, sämtliche Hotels ausgebucht. Tausende von Flüchtlingen warteten auf die Überfahrt, wer kein Geld für ein Zimmer hatte, schlief auf der Strasse oder auf einem der kleinen Plätze. Schlepper sprachen die Menschen auf offener Strasse an, in den Cafés verhandelten sie über Preise.Schleichen durch “Little Syria”
Heute, zwei Jahre nachdem das Flüchtlingsabkommen zwischen der EU und der Türkei in Kraft getreten ist, ist das Geschäft schwieriger geworden. Mit dem Deal verpflichtete sich die türkische Regierung, konsequent gegen die Schlepper vorzugehen. Die Polizei kontrolliert die Strassen zwischen Izmir und den Küstenorten Cesme, Bodrum und Ayvalik, von wo aus die Flüchtlinge zu den griechischen Inseln ablegen. Auf dem Meer patrouilliert die Küstenwache. Doch die Schlepper sind immer noch da, schleichen über die belebte Hauptstrasse von “Little Syria” und verstecken sich vor der Polizei in den verwinkelten Gassen weiter oben.
Vom Flüchtlingsabkommen mit der EU hat Asis noch nie etwas gehört. Er hat lediglich eine vage Idee davon, dass Europa die Grenzen geschlossen habe. Allzu sehr scheint es ihn allerdings nicht zu beschäftigen: “Wenn auf dem Weg eine Strassensperre ist, fahren wir einen Umweg. Wenn uns die Polizei erwischt, bezahlen wir sie, damit sie uns nicht verhaften.”
Die Wohnung von Asis und seinem Bruder liegt auf halbem Weg den Hügel hoch, gegenüber einer Moschee und einem kleinen Supermarkt. Der Holzboden knarrt, die Wände sind rissig, und durch die Fenster zieht die Winterluft. Die Decke im Schlafzimmer wölbt sich wie ein Bauch, als krachte sie nächstens runter.




