Und plötzlich steht er vor dir

Und plötzlich steht er vor dir

Ashwaq Tallu wurde in Irak als Sklavin gehalten.
Die junge Jesidin flieht nach Deutschland, beginnt eine Berufsausbildung. Doch dann meint sie, ihren Peiniger auf der Straße zu sehen – mitten in Schwäbisch-Gmünd.

Als Ashwaq Tallu vor vier Monaten in Erbil aus dem Flugzeug stieg, der Hauptstadt der kurdischen Autonomiegebiete im Irak, war sie erleichtert. Drei Jahre zuvor hatte sie dieses Land verlassen, für immer, dachte sie damals. Sie war nach Deutschland gegangen, um den Mann zu vergessen, der sie drei Monate lang vergewaltigt und geschlagen hatte. Doch dann traf sie das IS-Mitglied wieder, auf der Straße in Schwäbisch-Gmünd. Ashwaq Tallu ist sich da ganz sicher.

Seit vier Monaten lebt Tallu nun wieder bei der Familie in ihrer Heimat. Sie schläft in einem Zelt mit ihren Schwestern, die Tage verstreichen, ohne dass sie viel unternimmt. Zu tun gibt es hier ohnehin nichts: Tags brennt die Sonne auf die kargen Hügel rund um das Lager für Binnenflüchtlinge. Ein paar Kinder rennen über die staubige Straße, alle anderen Bewohner verstecken sich im Schatten.

Ein Kühler bläst kalte Luft ins Zelt, die Wände sind mit gemusterten Decken behängt, karges Neonlicht beleuchtet den Raum. Tallu sitzt mit angewinkelten Beinen auf einer der Matratzen. “Ich wollte nicht länger in Deutschland bleiben”, sagt sie. “Ich fühlte mich nicht mehr sicher.”

Seit Ashwaq Tallu ihre Flucht zurück ins Krisengebiet öffentlich machte, dient ihre Geschichte vielen Menschen als Beleg für lang gehegte Überzeugungen, wie vor allem in Internet-Kommentarfeldern nachzulesen ist. Rechtspopulisten sehen sich bestätigt, dass unter den Menschen, die in Deutschland Schutz suchen, jede Menge Extremisten sind. Andere zeigen auf die deutschen Behörden: War ja klar, sagen sie, dass einer Flüchtlingsfrau nicht geholfen wird, dass die Polizei Ausländer schnell abfertigt, wenn sie nicht Täter, sondern Opfer sind.

Ashwaq Tallu selbst kriegt diese Diskussionen in ihrem Zelt im Nordirak nur am Rande mit. Sie erzählt hier lieber ihre Geschichte. 18 Jahre ist sie heute alt, sie gehört der religiösen Minderheit der Jesiden an. Sie ist eine von Tausenden jesidischen Frauen aus Sindschar, die die Terrormiliz Islamischer Staat 2014 verschleppt und versklavt hat. Die Islamisten bringen Tallu erst nach Syrien, dann zurück in den Irak. Schließlich wird sie von einem Iraker aus Bagdad gekauft, für hundert Dollar. Abu Humam nennt sich der Mann.

Drei Monate lang lebt Tallu bei ihm, er vergewaltigt und schlägt sie, immer wieder. Bis ihr die Flucht gelingt.

Über ein Sonderkontingent kommt sie 2015 nach Baden-Württemberg. Ihre Mutter und ihr kleiner Bruder folgen, später auch ihre Schwägerin und deren zwei Kinder. Tallu besucht die Berufsschule in Schwäbisch-Gmünd und findet Freundinnen, bald spricht sie fließend Deutsch. Sie steht kurz vor dem Hauptschulabschluss, danach will sie eine Ausbildung zur Krankenschwester anfangen. Die Erinnerung an die schreckliche Zeit in Gefangenschaft verblasst langsam – bis der 21. Februar kommt.

Sie sei gerade auf dem Weg zum Einkaufen gewesen, erzählt Ashwaq Tallu, da habe sie bemerkt, wie ein Mann aus einem Auto steigt. Er habe eine Sonnenbrille getragen, doch sie habe ihn am Muttermal rechts über der Oberlippe erkannt. Dann habe er die Brille abgenommen und sei auf sie zugekommen. “Bist du Ashwaq?”, habe der Mann gefragt.

Er ist Abu Humam, davon ist die junge Frau überzeugt. Der Mann, vor dem sie nach Deutschland geflohen ist – jetzt steht er hier vor ihr. “Nein”, habe sie geantwortet, “Sie verwechseln mich.” Doch Abu Humam habe nicht lockergelassen. Nachdem er zunächst Deutsch gesprochen habe, sei er ins Arabische gewechselt und habe gesagt, er wisse alles über sie.

Wenige Tage später geht sie zur Polizei. “Nachdem ich meine Geschichte erzählt habe, sagte der Polizeichef, Abu Humam sei doch auch ein Mensch wie ich”, sagt Tallu – ein harter Vorwurf. Am Wochenende meldete sich jetzt Michael Blume zu Wort, der 2015 und 2016 das baden-württembergische Projekt für die Jesidinnen leitete. Er sagt, er halte die Geschichte für glaubwürdig, obwohl Tallus Erinnerungen wegen ihres Traumas auch verzerrt sein könnten. Blume bedauert ihre Ausreise, weist darauf hin, dass die Behörden ihr eine sichere Wohnung angeboten hätten. Tallu hingegen sagt, sie habe sich nicht ernst genommen gefühlt. Später hätten die Beamten ein Phantombild von dem Mann gezeichnet und ihr eine Telefonnummer gegeben. Falls sie ihn wieder sähe, solle sie anrufen.

Sie habe Angst gehabt, auf die Straße zu gehen, sagt sie. Eineinhalb Monate wartet sie ab, in der Hoffnung, die Polizei würde Abu Humam fassen. Dann kehrt sie auf Drängen des Vaters zurück nach Kurdistan.

Dort sitzt der Vater ihr nun im Zelt gegenüber und telefoniert. Seit Ashwaq Tallu sich entschieden hat, ihre Geschichte einer kurdischen Nachrichtenplattform zu erzählen, klingelt bei Hadschi Hamid Tallu unentwegt das Handy. Journalisten aus der ganzen Welt wollen mit seiner Tochter reden. Das ist für die Tallus auch ein Risiko. Die Familie von Abu Humam lebe noch in Bagdad, sagt Vater Tallu. “Wir sind hier nicht mehr sicher. Wir müssen auch dieses Land so schnell wie möglich verlassen.”

Früher war Tallu, ein dünner, grauhaariger Mann mit ausgetrockneter Haut, der Vorsteher seines Dorfes, seine Familie führte mehrere Läden. 2014 verlor er alles, sein Haus, sein Auto, seine Geschäfte. 77 Mitglieder seiner Familie hätten die Terroristen verschleppt, erzählt er.

Seine Tochter Ashwaq war die erste, die zurückkam. 25 weitere hat der Vater nach und nach freigekauft. Doch viele seiner Angehörigen seien bis heute in Gefangenschaft. Um sie zu befreien, ist Hadschi Hamid Tallu im Irak geblieben. Vor dem Zelt hat er ein Beet mit Pfefferminze und Sonnenblumen gepflanzt, als ahnte er, dass er länger bleiben müsse. Eine Zukunft aber sieht er nicht in diesem Land, nicht für seine Familie, nicht für sein Volk.

Nur, wo dann, wenn selbst in Deutschland Gefahr drohen könnte? Ashwaq Tallu ist überzeugt, kein Einzelfall zu sein. “Es gibt viele jesidische Frauen in Deutschland, die ebenfalls ihren Peiniger getroffen haben”, sagt sie. “Und häufig wird ihnen nicht geglaubt.” Der Zentralrat der Jesiden berichtet Ähnliches, auch die Menschenrechtsaktivistin Düzen Tekkal sagt, ihr seien mehrere Fälle bekannt. Seit 2015 hätten sich bei ihr immer wieder Frauen gemeldet, die berichteten, sie hätten ihre Peiniger gesehen, sagt Tekkal. “Es ist ein Armutszeugnis, wenn diese Frauen sich nicht einmal in Deutschland sicher fühlen.” Einmal sei es tatsächlich gelungen, einen IS-Kämpfer festzunehmen, der versuchte, als Flüchtling zu entkommen. Eine Jesidin in Deutschland habe ihn auf einem Bild erkannt und ihn dann den kurdischen Behörden gemeldet.

In ähnlichen Fällen aber sind die mutmaßlichen Peiniger weiter in Freiheit. Manche dieser Fälle seien nicht weiterverfolgt worden, weil die Frauen Angst hatten, zur Polizei zu gehen, sagt Tekkal. Meist jedoch scheitert eine Festnahme daran, dass die Täter nicht gefunden werden können. Auch in Tallus Fall sei es bisher nicht gelungen, anhand der Schilderungen eine konkrete Person zu identifizieren, teilt eine Sprecherin der Generalbundesanwaltschaft mit. Die Ermittlungen, heißt es am Montag, liefen jedoch weiter.

Und so ist Ashwaq Tallus Geschichte vor allem ein Beispiel für das Dilemma, in dem deutsche Strafverfolger stecken, wenn es um Verbrechen geht, die in den Kriegswirren von Syrien und Irak geschehen sein sollen: Die Suche nach Tätern, die möglicherweise unter falschem Namen nach Deutschland gekommen sind, ist fast unmöglich. Und selbst wenn eine Identifikation gelingt, fehlen häufig gerichtsfeste Beweise, die für ein rechtsstaatliches Verfahren zwingend sind.

Ashwaq habe am Anfang kaum geschlafen, nachdem sie zurück nach Kurdistan gekommen sei, erzählt ihr Vater. Sie selber sagt wenig darüber, wie es ihr im Moment geht. Nur dass sie im Irak nicht bleiben will. “Zurück nach Deutschland gehe ich aber auch auf keinen Fall.”

Text: Meret Michel

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